Ich musste mich nicht mal wiegen, um zu sehen, wie viel ich zugenommen habe. Das ist das deprimierendste. Es fällt sogar anderen auf. Hurra. Herzlichen Glückwunsch, Misty.
Wann ist das passiert? Wie konnte ich auf einmal so viel zunehmen? Ich hatte doch im Frühjahr zwei Kilo abgenommen, als ich mich nur ein bisschen angestrengt habe. Wann habe ich aufgehört, es zu versuchen? Und vor allem, wieso?
Wo ist meine Motivation?
März 2011: SIE ist in einer Beziehung. Das darf nicht sein. Wäre ich hübscher, wäre ich vielleicht längst ihre Freundin. Vielleicht, wenn ich dünn wäre. Ich versuche so wenig wie möglich zu essen, mache Sport, führe ein Tagebuch. Innerhalb einer Woche -3kg. Innerhalb der nächsten vier Wochen: Schwankungen. Rauf, runter, rauf, runter. Alles nur in winzigem Ausmaß. Im
Mai gebe ich auf. Die drei Kilo sind wieder drauf und ich nehme nicht weiter ab.
September 2011: Ich fange an zu bloggen. Zunächst aus einem anderen Grund, dann entdecke ich Abnehmblogs. Es scheint doch gar nicht so schwer zu sein. Die Mädchen aus dem Internet schaffen es doch auch. Ich versuche es wieder. Bald will ich jemanden treffen, bis dahin will ich dünner aussehen. Ich schreibe darüber in meinem Blog, obwohl ich keine Follower habe. Es ist mein privates Tagebuch. Das erscheint mir sicherer als ein echtes Tagebuch in diesem Haus aufzubewahren. Das Abnehmen läuft gar nicht schlecht. Ich esse an manchen Tagen nur eine kleine Mahlzeit, ich mache tatsächlich Sport, und niemand stellt Fragen oder macht sich Sorgen. Trotzdem breche ich das ganze wieder ab. Wieso? Ich weiß es nicht. Zu dem Treffen kam es nie.
März/April 2012: Ich realisiere, wie viel ich zugenommen habe. Ich will wieder abnehmen. SIE ist wieder in einer neuen Beziehung - aber SIE ist mir egal geworden. Ich habe jemanden kennen gelernt. Ich mag
sie. Aber wieso sollte
sie mich auf die gleiche Weise mögen, solange ich so fett bin? Ich will für
sie abnehmen. Dieses Mal versuche ich es anders. Ich versuche nicht, von einem Tag auf den anderen nichts mehr zu essen. Ich fange klein an. Erstmal keine Süßigkeiten mehr. Keine Zwischenmalzeiten, es sei denn, es ist Obst. Jeden Tag eine Stunde Spazieren. Später soll mehr Sport dazu kommen. Ich halte nur wenige Wochen durch.
Juni 2012: Ich denke an
sie, wenn ich morgens aufstehe. Ich rede den ganzen Tag von
ihr. Ich kritzele alles mit
ihrem Namen voll. Ich muss lächeln, wenn ich an
sie denke. Das heißt, ich grinse den ganzen Tag wie ein Vollidiot. Ich gehe abends ins Bett, ich denke an
sie.
Sie kommt sogar in meinen Träumen vor. Ich stelle mir vor, wann und wie ich meinen Eltern erzählen würde, dass ich mit
ihr zusammen bin. Aber ich möchte kein Mädchen sein, dass gleich am ersten Tag ihren Beziehungsstatus auf facebook ändert. Ich würde erstmal meinen Beziehungsstatus verstecken, und wenn wir eine Zeit lang zusammen sind, und ich mir relativ sicher bin, dass es länger halten wird, dann erzähle ich allen davon. So stelle ich es mir vor. Gleichzeitig denke ich immer noch daran, dass ich abnehmen muss, damit
sie mich mag. Aber ich schaffe es nicht.
Juli 2012: Ich weiß nicht, woran es lag. Ich weiß nur, dass es von einem Tag auf den anderen passierte und dass es kein besonderes Ereignis gab. Ich mag
sie natürlich noch, als gute Freundin, aber ich stehe nicht mehr auf
sie. Vielleicht ist das besser so. Vielleicht wäre es genau so gekommen, wenn ich
sie gefragt hätte, und dann hätte ich
sie verletzt. Vielleicht hätte es sich auch anders entwickelt und wir wären heute noch zusammen. Man weiß es nicht. Ich habe
sie nie gefragt, und ich glaube, es ist gut so. Ich bin auch so blöd. Ich wusste ja nicht mal sicher, ob
sie auch auf Mädchen steht. Ich habe einfach gehofft, dass
sie mich mag. Ich habe keine Motivation mehr, abzunehmen. Es gibt niemanden, für den ich es tun würde.
September 2012: Beim Abtrocknen fallen mir die Dehnungsstreifen auf meinem Bauch auf. Wie lange sind die schon da? Wie viel habe ich zugenommen? Ich will mich nicht wiegen. Ich will wieder abnehmen. Ich will, dass andere auch sehen, dass ich abnehme. Ich will nicht mehr gefragt werden, ob ich zugenommen habe. Ich will nicht mehr angeglotzt werden, wenn ich in der Öffentlichkeit esse. Ich will nicht mehr vor dem Spiegel stehen, meinen Bauch einziehen und denken "So könntest du aussehen.". Ich will mich nicht mehr umsehen müssen, um jemanden zu entdecken, der dicker ist als ich, damit ich nicht die Fette bin. ... Mir fällt auf, dass ich in den letzten zwei Tagen weniger gegessen habe. Nicht ungesund wenig, nur weniger als sonst. Ohne groß darüber nachzudenken. Ich muss es beibehalten. Ich muss dieses Mal abnehmen.
Es gab immer irgendwas, das mich motiviert hat, abzunehmen. Was wird es dieses Mal sein? Vielleicht hilft es mir ja, dass meine Schwester zehn Kilo abgenommen hat. Ich muss zeigen, dass ich das auch kann, und dass ich es besser machen kann. Vielleicht wird das dieses Mal meine Motivation.
Vielleicht sitze ich in einem halben Jahr wieder hier und schreibe auf, wie ich im September 2012 gescheitert bin. Wir werden sehen.